Die Gemeinschaft

Muslime in der Zentralschweiz

Was heisst Integration?

Posted by Die Gemeinschaft - 1. Januar, 2007

Ein Interview mit Dr. Hansjörg Vogel, Integrationsbeauftragter des Kantons Luzern

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DG: Glauben Sie, dass eine Integration statt finden wird?
Dr. Vogel: In den letzten 60 Jahren sind mehrere Millionen Menschen in die Schweiz immigriert. Gegenwärtig leben etwa 1,5 Millionen Personen ohne Schweizer Pass in unserem Land. Das Zusammenleben gestaltet sich grösstenteils friedlich und problemlos. Dies ist das Ergebnis einer grossen Anpassungslei-stung der Zugewanderten und auch einer gewissen Offenheit der Schweizer Bevölkerung.
DG: Wer darf sich als integriert fühlen? Wann ist man integriert?
Dr. Vogel: Diese Frage hat verschiedene Ebenen. Auf der sozialen Ebene bin ich dann in einer Gesellschaft integriert, wenn ich mich zugehörig fühle. Auf der strukturellen Ebene bin ich integriert, wenn ich meine Existenz gesichert habe durch Erwerbsarbeit oder Rente, wenn ich eine Wohnung habe, wenn ich mit dem Gesetz nicht in Konflikt stehe, und wenn ich mir Bildung erwerben kann.
DG: Welche positiven Entwicklungen haben sie bei der Integration beobachtet?
Dr. Vogel: Seit etwa zehn Jahren wird in unserem Land von Integration gesprochen. Seit etwa sechs Jahren werden Integrationsprojekte vom Bund und vielen Kantonen und Gemeinden gefördert. Dadurch gibt es zum Beispiel viel mehr alltagsorientierte Sprachkurse für Zielgruppen, die schwierig erreichbar sind (z.B. im Gastgewerbe, Schichtarbeiter, Familienfrauen). Soeben wurde ein neues Ausländergesetz angenommen, das in einem eigenem Kapitel die Integration als Staatsaufgabe definiert und festhält, dass Bund, Kantone und Gemeinden bei der Erfüllung ihrer Aufgaben die Anliegen der Integration berücksichtigen sollen. Ich denke, dass wir immer noch am Anfang sind in der Entwicklung der Integration. Aber erste deutliche Schritte werden langsam erkennbar.
DG: Was bietet die schweizerische Gesellschaft an, damit sich die Ausländer integriert/aufgehoben fühlen?
Dr. Vogel: Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, weil die schweizerische Gesellschaft gegensätzliche Strömungen enthält. Das zentrale Angebot der Gesellschaft ist der Arbeitsmarkt – dieser ist auch der Motor der Einwanderung. Wer Arbeit hat, wer als Arbeitskraft geschätzt ist und dadurch auch die Möglichkeit hat, sein Leben zu gestalten, hat eine wichtige Basis der Integration. Die zweite grosse gesellschaftliche Instanz für Integration ist die Schule. Die Schule ist für alle obligatorisch, sie lehrt Schweizer- und Ausländerkinder das Zusammenleben. Mehr und mehr ergreift die Schule auch Massnahmen, um fremdsprachige Schü-lerinnen und Schüler zu unterstützen (Deutsch als Zweitsprache, Nachhilfeunterricht). In der Öffnung der Institutionen und Vereine besteht jedoch noch ein Nachholbedarf, dass alle Zugewanderten die gleichen Zugangschancen haben.
DG: Hat Integration auch negative Sichten? Wenn ja, welche?
Dr. Vogel: Integration als Hineinwachsen in ein gemeinsames Ganzes hat an sich keine negativen Seiten. Der Integrations-prozess verläuft jedoch nicht immer chancengleich und konfliktfrei.
DG: Warum ist die Integration – vor allem für die Schweiz – so wichtig?
Dr. Vogel: Wohin fehlende Integration führen kann, zeigten vor einem Jahr die Unruhen in Frankreichs Vorstädten. Gerade junge Menschen verlieren ihre Lebensperspektive. Dies führt zu Kriminalität, Zerstörung und unermesslichen Sozialkosten.
DG: Ist die Integration ein Thema, für das man sich gegenseitig bemühen muss oder müssen sich nur die Ausländer darum bemühen?
Dr. Vogel: Integration ist ein Prozess, an dem alle beteiligt sind, deshalb betont das neue Ausländergesetz, dass Integra-tion sowohl den entsprechenden Willen der Ausländerinnen und Ausländer als auch die Offenheit der schweizerischen Bevölkerung voraussetzt.
DG: Welche Rolle spielt die Religions-angehörigkeit bei der Integration? Ist z.B. die Konfession ein Störfaktor für die Integration?
Dr. Vogel: Die Religion ist ein wichtiger Faktor bei der Integration. Denn Religion vermittelt das Gefühl von Zugehörigkeit und Heimat. Sie schafft Sinn und Kraft in den Übergängen des Lebens. Migration ist ein einschneidender Übergang, der Verlust von Vertrautem und Einlassen auf Neues und Unbekanntes bedeutet. Eine religiöse Praxis, die bisher in der Aufnahmegesellschaft fremd war, kann im Alltag – vor allem zu Beginn – auch Fragen und Schwierigkeiten aufwerfen. So ist zum Beispiel die Lebensweise der Muslime in der Schweiz noch wenig bekannt. Sie wird erst seit einigen Jahren in der Öffentlichkeit thematisiert.
DG: Was denken Sie zum Thema Kopftuch und Integration (z.B. bei der Arbeitsuche)?
Dr. Vogel: In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskussion wird das Kopftuch oft mit der Unterdrückung der Frau oder einer politisch extremen Haltung verbunden. Dies schafft Misstrauen und Arbeitgeber befürchten, Mitarbeiterinnen mit Kopftuch würden bei der Kundschaft nicht akzeptiert. Ich denke deshalb, dass das Tragen des Kopftuchs die Arbeitssuche eher erschwert. Dieses Beispiel zeigt, dass es nicht leicht ist, die Religionsfreiheit in der Gesellschaft wirklich umzusetzen. Das Prinzip der Religionsfreiheit umfasst die Freiheit, ein Kopftuch zu tragen oder nicht. Diese Freiheit soll von allen anerkannt werden. Dazu brauchen wir noch einen längeren Weg.
DG: Wie ist allgemein Ihre Meinung über die Konsequenzen des neu gewählten Ausländergesetz, spezifisch über:
* Auswirkung auf muslimische Migrantin-nen und Migranten?
* Auswirkung auf Integrationsbemüh-ungen ­ werden sie erschwert oder erleichtert?
* Wird es nicht mehr diskriminierend sein? (man unterscheidet zwischen gewünschte EU Migranten und nicht gewünschte Migranten aus anderen Ländern)
Dr. Vogel: Das neue Ausländergesetz sieht die Integration als Staatsaufgabe und formuliert das Ziel der Integrationspolitik (Art. 4): “Ziel der Integrationspolitik ist das Zusammenleben der einheimischen und ausländischen Wohnbevölkerung auf der Grundlage der Werte der Bundesverfassung und gegenseitiger Achtung und Toleranz.” In einem eigenen Kapitel wird die Integrationsförderung beschrieben. Darin ist neu auch die Informationspflicht der Behörden über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Schweiz festgehalten. Auf dieser Ebene werden die Integrationsbemühungen wesentlich gesteigert. Was sich indirekt integrationshemmend auswirken wird, ist die Tatsache, dass die Zulassung und Rahmenbedingungen (vor allem für den Familiennachzug) der Zugewanderten aus den EU/Efta-Ländern und derjenigen aus den Drittstaaten sehr unterschiedlich sind. Dies schafft ein Gefälle zwischen den beiden Gruppen. Es ist noch nicht absehbar, was dies bedeutet. Auf die Integration der muslimischen Migrantinnen und Migranten direkt hat das neue Ausländergesetz keinen Einfluss. Indirekt sind sie davon betroffen, weil sie meistens aus Drittstaaten stammen. Dies kann sich zum Beispiel für Menschen aus der Türkei ändern, wenn die Türkei EU-Mitglied wird. Dann werden Zugewanderte aus der Türkei und aus Deutschland oder Frankreich die gleichen Aufenthaltsbedingungen haben.
DG: Wie sieht die Lage auf dem Arbeitsmarkt für muslimische Jugendliche aus? Gibt es Diskriminierung? Was für Aktionen/ Programme gibt es?
Dr. Vogel: Mir sind keine Untersuchungen bekannt, die die Diskriminierung muslimischer Jugendlicher auf dem Arbeitsmarkt nachweisen. Nach einer Studie werden ausländische Jugendliche vor allem aus der Türkei und Serbien, sowie albanische Jugendliche bei der Lehrstellensuche deutlich diskriminiert. Dabei spielt nach meiner Einschätzung die Religion keine grosse Rolle. Es geht mehr um das “Image” dieser Bevölkerungsgruppe, das unter sozialen und kriminellen Schwierig-keiten einer kleinen Minderheit von ihnen leidet.
DG: Was gibt es für aktuelle integrationsfördernde Aktionen und Programme im Kanton Luzern?
Dr. Vogel: Neben der Integrationsförderung in der Schule durch Deutsch als Zweitsprache, durch Integrationskurse für Jugendliche, durch verschiedene Elterninformationen und der Integrationsförderung im Erwerbslosenbereich gibt es eine Projektförderung von Integrationsprojekten. Ein wichtiges Projekt darunter ist das Projekt “incluso”, welches für 40 Migrantenjugenliche der dritten Oberstufe Mentorinnen und Mentoren zur Verfügung stellt, welche sie bei der Lehrstellensuche begleiten. Damit wollen wir die Chancen der Migrantenjugendlichen in der Lehrstellensuche fördern.
Im weiteren unterstützt der Kanton die Fachstelle FABIA in der Integrationsarbeit (www.fabialuzern.ch) und den Dolmetsch-dienst Zentralschweiz der Caritas Luzern (www.dolmetschdienst.ch).
Ganz neu haben die sechs Zentralschweizer Kantone die Website www.integration-zentralschweiz.ch eingerichtet, welche über verschiedene Angebote und Projekte informiert.

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