Die Gemeinschaft

Muslime in der Zentralschweiz

„Der SVP gehts nicht um Minarette“

Posted by Die Gemeinschaft - 1. Januar, 2007

Die SVP stelle das Existenzrecht der Muslime in der Schweiz in Frage, kritisiert der Vize der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich.

Hatipoglu

Mit Hasan Taner Hatipoglu* sprach Timm Eugster

Eugster: Wie gross ist Ihr Bedürfnis, in Zürich eine richtige Moschee mit Minarett zu bauen?
Hatipoglu: Es wäre natürlich schön, wenn wir eine hätten! Eines unserer drei Hauptziele ist, ein islamisches Zentrum mit Moschee samt Minarett, Bibliothek, Studentenheim, Konferenzsälen und so weiter zu bauen. Doch zurzeit ist das Projekt nicht auf unserer Traktandenliste, weil es uns finanziell überfordert.
Eugster: Wieso ist das Minarett so wichtig?
Hatipoglu: Ein Minarett ist seit Jahrhunderten ein Bestandteil einer Moschee.
Eugster: Im Koran ist es nicht vorgeschrieben.
Hatipoglu: Ja, es ist keine Bedingung. Es ist nicht das Wichtigste, aber eine Moschee hat nun mal ein Minarett wie eine Kirche einen Turm. Aber der SVP geht es ja gar nicht eigentlich um die Minarette.
Eugster: Sondern?
Hatipoglu: Sie betreibt auf unsere Kosten Stimmenfängerei. Das vergiftet die Atmosphäre und erschwert unsere Dialogbemühungen. Und es bereitet den Nährboden zu einer Radikalisierung der hiesigen Muslime.
Eugster: Wie meinen Sie das?
Hatipoglu: Die Muslime sind ein Teil der Gesellschaft und versuchen, ihren Teil beizutragen. Die grosse Mehrheit begegnet Christen und Juden mit Respekt. Dies erhoffen wir uns auch. Aber leider machen wir oft ganz andere Erfahrungen.
Eugster: Können Sie Beispiele nennen?
Hatipoglu: Meine 22-jährige Tochter,
die ein Kopftuch trägt, wurde an der Bushaltestelle schon angesprochen: „Hey, wo ist Bin Laden?“ Derart geladen sind gewisse Leute schon wegen dieser muslimfeindlichen Propaganda! Andere junge Frauen werden im Bewerbungsgespräch vor die Wahl gestellt: „Entweder du legst das Kopftuch ab, oder du erhältst die Lehrstelle nicht.“
Eugster: Wie weit ist die Radikalisierung schon?
Hatipoglu: Die Leute haben das Gefühl, diese Gesellschaft werde uns nie akzeptieren, wir seien hier nicht willkommen. Dies behindert die Integration und fördert Abschottungstendenzen. Wohin das letztlich führt, das ist die Frage.
Eugster: Bis zur Sympathie für Terrorismus?
Hatipoglu: Wie ich das hiesige muslimische Umfeld kenne, würde ich nicht so weit gehen. Aber die Integration wird verhindert – und das ist schlimm genug: Man verkehrt nur noch in der engen Gemeinschaft. Diese Abschottung müssen wir verhindern.
Eugster: Was tun Sie denn dagegen?
Hatipoglu: Wir sagen unseren Leuten: „Wir Muslime sind jetzt zwar die Prügelknaben, aber das geht vorbei, wir müssen uns trotzdem öffnen und der Bevölkerung Rede und Antwort stehen.“ Gegenseitiger Respekt wäre ein gutes und effizientes Mittel gegen Rückzug und Radikalisierung. Vergangenes Jahr haben wir deshalb sogar die SVP-Führung um ein Gespräch gebeten.
Eugster: Was hat es gebracht?
Hatipoglu: Wir haben die SVP-Leute gefragt, wo eigentlich der Schuh drückt, wo konkret die Probleme sind und was wir auf unserer Seite ändern und verbessern könnten. Wir haben ganz konkret eine Zusammenarbeit angeboten. Aber leider blieb das Gespräch unverbindlich – und am Ende hiess es nett: „Gut, dass wir zusammen gesprochen haben!“ Und die Angriffe gingen weiter.
Eugster: Werden Sie erneut das Gespräch suchen?
Hatipoglu: Ich würde wieder mit der SVP an einen Tisch sitzen und ihr sogar zusichern, dass wir keine Moschee mit Minarett bauen werden – wenn sie im Gegenzug aufhören würde, uns Muslime anzugreifen. Ich möchte einfach wissen, wo es aufhört mit der Diskriminierung. Sonst hat das kein Ende, und irgendwann ist nicht nur das Kopftuch ein Problem, sondern dass Muslime Schuhe tragen, und übermorgen müssen wir ein Zeichen an den Armen tragen!
Eugster: Rechnen Sie damit, dass Sie mit der SVP eine Übereinkunft treffen können?
Hatipoglu: Nein – denn der SVP geht es letztlich darum, unser Existenzrecht in der Schweiz in Frage zu stellen.
Eugster: Das ist ein harter Vorwurf.
Hatipoglu: Ja, aber das ist leider mein Eindruck. Man spricht immer von den Ängsten der Mehrheitsgesellschaft, die ich sehr gut verstehen kann, aber die muslimische Minderheit hat ebenfalls grosse Ängste.
Eugster: Inwiefern verstehen Sie die Ängste der Schweizer Bevölkerung?
Hatipoglu: Wenn ich nicht selber ein Muslim wäre und die Muslime gut kennen würde, hätte ich auch Angst, wenn ich lesen würde, die Muslime wollten die Schweizer mit der Scharia unterjochen. Deshalb sage ich: Wenn ihr Fragen und Ängste habt, fragt uns direkt – und glaubt nicht der SVP. Aber leider erreichen wir die Leute zu wenig. Wenn wir einen Tag der offenen Tür organisieren, kommt fast niemand!
Eugster: In Ihrer Dachorganisation sind 40 islamische Zentren zusammengefasst, die sich vorab nach dem Herkunftsland der Gläubigen unterscheiden. Wird die islamische Gemeinschaft in 20 Jahren noch immer so zersplittert sein, wenn die meisten Muslime Schweizer sein werden?
Hatipoglu: Unser langfristiges Ziel ist es, von den ethnisch definierten Vereinen wegzukommen und demokratische Gemeindestrukturen zu bilden. Wir werden dafür mit den Landeskirchen ein Seminar abhalten und uns ihre Modelle anschauen, die sich in der föderalistischen Schweiz offenbar am besten bewährt haben. In den Moscheen würde dann, je nach Landesteil, Deutsch, Französisch oder Italienisch gesprochen. Dies würde die Integration fördern.
Eugster: Gibt es nicht dringendere Integrationsprobleme, die angepackt werden müssten – etwa Bildung, Sprachför-derung und die Gleichstellung der Frau?
Hatipoglu: Sicherlich – man soll das eine tun und das andere nicht lassen. Gute Kenntnisse der Landessprache sind eine Voraussetzung, damit wir die Gemeindestruktur umsetzen können. Bei uns sind zwei reine Frauenorganisationen Mitglied, vier Frauen sitzen im Vorstand. Trotzdem ist die Gleichberechtigung in der muslimischen Gemeinschaft noch weniger verwirklicht als in der Schweizer Mehrheitsgesellschaft. Dies hat aber eher mit den teilweise archaischen Verhältnissen in den Herkunftsländern der Leute zu tun als mit dem Islam.

* Hasan Taner Hatipoglu (50) ist Vizepräsident der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz). Er ist in der Türkei geboren, hat an der ETH Zürich studiert und arbeitet heute bei einer Zürcher Grossbank als Informatiker.

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